Frank HajdukInnovation und Technologie

Regeln hinter Gittern

Moderne Business Rule Management-Systeme (BRMS) sind in der Lage, bei der Anwendungsentwicklung die starke Abhängigkeit der Fachabteilung von der IT aufzulösen. Das ist nicht nur bei neuen Applikationen möglich, sondern auch bei Bestandssystemen.

Wer in der Applikationsentwicklung tätig ist, kennt sicher das folgende Szenario: Aufgrund einer rechtlichen Änderung, einer Entscheidung des Vorstands oder neuer Compliance-Richtlinien soll eine vermeintlich kleine Änderung an der Geschäftslogik eines Bestandssystems vorgenommen werden. Die geplante Modifikation des Sets an Geschäftsregeln erscheint aus Sicht der Fachabteilung trivial, verursacht bei den IT-Experten jedoch deutlich mehr Zeit und Kosten als ursprünglich veranschlagt.

Sicher trifft hier nicht die IT-Abteilung die Schuld am hohen Aufwand. Vielmehr sind es gewachsene Rahmenbedingungen, die Änderungen an den Geschäftsregeln bestehender Systeme erschweren und damit den Aufwand für notwendige Umsetzungen deutlich erhöhen. Es liegt daran, dass die Geschäftsregeln eng verschmolzen sind mit der erstellten Software und dass – riskanterweise – dynamische Geschäftsregeln oft innerhalb von Systemen umgesetzt werden.

Fünf Schritte für einen schnellen Erfolg

Diese Nachteile lassen sich jedoch beheben: Das Zauberwort für die Entwirrung des gordischen Knotens zwischen Fach- und IT-Abteilung heißt „Business Rules“. Die Nutzung eines modernen Business Rule Management-Systems (BRMS) versetzt Unternehmen in die Lage, die starke Abhängigkeit der Fachabteilung von der IT aufzulösen.

Ganz wichtig: Ein BRMS bietet auch für Bestandssysteme eine Möglichkeit, von diesen positiven Effekten zu profitieren. Ebenso lässt sich im Nachhinein noch eine Trennung von fachlichem Anwendungswissen und IT-Realisierungswissen erreichen. Wir haben dies beispielsweise in einem langjährigen Projekt für die deutschen Zollbehörden erfolgreich umgesetzt.

Für die Realisierung haben wir fünf Schritte zusammengetragen:

  1. In fast jedem IT-System gibt es ein Set an Geschäftsregeln, die sich häufiger ändern, aber im Source Code fest programmiert sind. So gibt es Regelmengen, die sich als zu dynamisch erwiesen haben, um auf Dauer im Code verwaltet zu werden. Eventuell hat die Fachabteilung auch schon angekündigt, bestimmte Regeln künftig häufiger verändern zu müssen. Ebenso kann die pure Größe oder Komplexität einer Regelfamilie ein treibender Faktor sein, diese vom Code zu lösen. Dies erfolgt vor dem Hintergrund, dass die Wartbarkeit des Codes für diese Regeln zu einem Risiko wird.
  2. Zusammen mit der Fachabteilung entwickelt die IT-Abteilung eine für alle Seiten verständliche Sprache zur Formulierung dieser Regeln. Dies ist ein großer Schritt zur Überwindung der Kluft zwischen Fach- und IT-Seite. Verantwortliche des Bestandssystems erhalten hierdurch eine Dokumentation des Geschäftsvokabulars. Fachabteilungen gewinnen durch diesen Schritt einen noch präziseren Einblick in das eigene Geschäft. Dieser Effekt ist auch bei der Einführung von Business Process Management (BPM) zu beobachten.
  3. Ausformulierte Regeln sollten in einem gemeinsamen Repository abgelegt werden. Bei Einsatz eines geeigneten BRMS lassen sich diese Regeln in Word oder in spezifischen Oberflächen erfassen und ohne IT-Beteiligung bereitstellen und ausführen. Die Entkopplung bei der Verwaltung dieser Regeln ist dann gelungen.
  4. Anschließend kann die bereitgestellte Regelausführung in die Applikation übertragen werden. Geschäftsprozesse rufen nun die Geschäftsregeln an Entscheidungspunkten als Service auf, ohne das Wissen, wie und wo genau diese umgesetzt sind.
  5. Schließlich sollte die IT gemeinsam mit der Fachabteilung das neue Regel-Repository nach Möglichkeiten untersuchen, die Regeln zu optimieren oder neuartig zu nutzen.

Business Rules zeigen also nicht nur Wege für moderne Systeme auf. Auch im Nachhinein können ältere Bestandssysteme von dieser Modernisierungsmaßnahme profitieren. Dadurch verlängert sich die Lebensdauer der Applikationen und die Investitionen der vergangenen Jahre in die Legacy-Systeme werden gesichert. Durch eine nachträgliche angemessene Herauslösung von Regelmengen lassen sich viele negative Eigenschaften abmildern, die aus der festen Codierung herrühren. So entstehen neue, positive Eigenschaften, wie beispielsweise eine bessere Wartbarkeit der Applikationen und eine schnellere Umsetzung neuer Anforderungen.

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