Frank PientkaDie digitale Welt

Digitales Unternehmen: Modernisieren oder sanieren?

Die vor Jahren angestoßenen Effizienzmaßnahmen, wie Virtualisierung, Automatisierung und Standardisierung, zeigen Wirkung. Das in den alten IT-Prozessen gebundene Kapital wird vermehrt für Innovations- und Transformationsprojekte eingesetzt. Beim Weg zum digitalen Unternehmen spielen moderne Software-Systeme und Prozesse eine große Rolle. Doch wie sieht der Weg dahin aus?

Viele Betriebsprozesse wurden in der Vergangenheit auf die Best Practices der Regelwerkes IT Infrastructure Library (ITIL) umgestellt. Einige Neu-, aber auch vereinzelte Wartungsprojekte setzen agile und schlanke Vorgehensweisen ein. Sie lösen jedoch das Problem des Managements der technischen Schulden und Risiken nur wenig. Denn nur wenn Architektur, Technologie, Personen und Prozesse optimal zusammen passen, können die immer wichtiger werdenden fachlichen Neuanforderungen und nicht-fachlichen Qualitätsanforderungen erfüllt werden.

Eine maximale Automatisierung der wiederkehrenden Entwicklungstätigkeiten und Testbarkeit über den gesamten Entwicklungsprozess lassen sich mit den gewachsenen Systemen nicht erreichen. Es wird mehr Agilität in der Umsetzung fachlicher Anforderungen benötigt. Die Architektur muss helfen, Komplexität zu reduzieren, Flexibilität und Qualität zu erhöhen. Deswegen stellen sich viele Unternehmen die überlebenswichtige Frage, ob sie ihre Altsystem sanieren oder modernisieren sollen.

Hier gibt es mehrere Möglichkeiten. Um kurzfristig Kosten zu reduzieren, fand oft ein Re-Hosting oder Outsourcing der Altanwendung statt. Damit wurde jedoch oft nur an den Symptomen, teure Betriebs- und Anpassungskosten, herumgedoktert. Das spezifische Wissen über die Altanwendung, ihre Architektur, Schnittstellen und unterstützte Prozesse ging dabei meist verloren. Spätere Anpassungen wurden durch die starren Vertrags- und Abstimmungsprozesse erschwert.

Deswegen haben sich viele Unternehmen entschieden, ihre „Systems of Record“ durch angepasste Standard-Software zu ersetzen. Diese mussten jedoch sehr aufwendig mit den neuen „Systems of Engagement“ integriert werden oder blieben Insellösungen. Dies erschwert jedoch einfache Anpassungen, sodass diese Systeme nur selten aktualisiert werden.

Viel zielführender als solche neuen Monolithen und riskanten Big Bang-Ablösungen sind die systematische Weiterentwicklung, Modernisierung und Reengineering bestehender Anwendungen.

Die Entwicklung des Einzelhandels mit Lebensmitteln kann als Metapher dienen, wie „Soft-Ware“ hergestellt und vertrieben wird. Lebensmittel wurden anfangs noch einzeln, lose und nur durch Fachpersonal verkauft. Die Ware wurde frisch beim Verkauf in Behälter verpackt. Discounter haben den Prozess radikal durch Selbstbedienung, Standardisierung der Verpackung und Reduzierung des Angebotes vereinfacht. Dies führte dazu, dass der klassische Einzelhändler heute kaum nicht mehr existiert und Discounter den Markt beherrschen.

Anders als bei den Discountern ging die Veränderung der Prozesse bei vielen Software-Produkten jedoch oft auf Kosten der Qualität. Oder anders ausgedrückt: Es bringt nichts, immer wieder die Verpackung oder die Behältergröße auszutauschen, wenn die Ware inzwischen Mängel hat. Es reicht also nicht, nur die Prozesse oder die Verpackung zu ändern, ohne die Qualität des eigentlichen Produktes sicher zu stellen.

Ein externes Architektur-Review ist eine gute Möglichkeit. die innere und äußere Software-Qualität auf den Prüfstand zu stellen. So können z. B. mit der ATAM (Architecture Tradeoff Analysis Method)-Methode Schwachstellen und Risikopotenziale aufgezeigt und Optimierungsmaßnahmen abgeleitet werden. Typische Fragen sind hier: Was sind die aktuellen Anforderungen an die Anwendung? Wie sieht die aktuelle Architekturdokumentation aus? Welche Abhängigkeiten und einschränkende Randbedingungen gibt es? Wo werden Architekturentscheidungen festgehalten? Gibt es priorisierte und mit Szenarien beschrieben Qualitätsmerkmale? Wo und wie werden diese gemessen? Sind die eingesetzten Technologien, Prinzipien und Prozesse noch angemessen oder beinhalten diese größeren Risiken? Was sind die am häufigsten Arten von auftretenden Fehlern?

Die „NEXT-GENERATION-IT“ spielt eine immer größere Rolle für den Geschäftserfolg. Deswegen sollte die alte IT-Denkweise des „never change a runing system“ durch „always run a changing system“ ersetzt werden. Nur so wird die IT als Business Enabler und damit als ernst zu nehmender Partner durch die Fachabteilungen wahrgenommen, die immer mehr über die IT-Budgets entscheiden.

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