Frank PientkaDie digitale Welt

Die digitale Transpiration

In Teilen der Industrie herrscht Aufbruchsstimmung. Begriffe wie Industrie 4.0 und Internet der Dinge führen zu smarten und vernetzten Produkten. Diese sollen Innovation und neues Wachstum ermöglichen. Beraterfirmen wie McKinsey, Goldman Sachs und Roland Berger verheißen den Anbietern goldene Zeiten.

Durch die IT wurden zunächst die Herstellungsprozesse umfassend automatisiert und danach individuelle Prozesse zwischen Kunden und Lieferanten integriert und koordiniert. Beide Wellen brachten große Produktivitäts- und Wachstumsfortschritte. Doch während die Prozesskette umgekrempelt wurde, blieben viele Produkte weitgehend unberührt. Nach dem Harvard Business Review Artikel von Michael E. Porter und James E. Heppelmann werden in der dritten Welle intelligente Geräte über die Cloud miteinander vernetzt. Hier steht mehr die Optimierung und Selbststeuerung im Vordergrund als die reine Überwachung und Steuerung. Dieser Markt ist geprägt von branchenfremden Mitbewerbern.

Marktforscher wie Gartner sehen zwar ebenso das große Potenzial, erwarten jedoch auch, dass vielen Anbietern noch das „Tal der Tränen“ bevor steht. Erst nach dem Durchschreiten des „Tals der Tränen“, so die Analysten, lassen sich mit marktreifen Produkten in drei bis vier Jahren produktive Lösungen erstellen.

Viele erfolgreiche Firmen aus traditionellen Industriezweigen springen jetzt auf den anfahrenden Zug auf, um nicht den Anschluss an zukünftige Entwicklungen zu verpassen. Old Economy trifft hier auf New Software Economy. Viele Firmen treffen hier auf Neuland. Deswegen haben bereits viele Unternehmen teures Lehrgeld bezahlt. Letztlich entscheidet über den Erfolg nicht, wer das beste Produkt hat, sondern wer eine Plattform mit einem wachsenden Ökosystem anbieten und erfolgreich weiterentwickeln kann.

Viele Firmen kommen mit ihren neuen intelligenten und vernetzten Produkten das erste Mal in direkten Kontakt zu den Kunden und ihren Daten. Darüber können sie neue Dienste anbieten und sowohl die Wertschöpfungskette vertiefen als auch die Kundenbindung erhöhen. Dies führt jedoch auch zu Konflikten mit bisherigen Vertriebs- und Servicepartnern, zu denen die Hersteller in direkter Konkurrenz treten, aber weiterhin Partner sein möchten.

Doch der Weg zur sinnvollen Nutzung des Internet der Dinge ist steinig. Bei aller Euphorie vergessen die Unternehmen gerne, dass konkrete Business Cases und Fragestellungen für den Erfolg solcher Projekte entscheidend sind. Ebenso ist fundiertes Know-how in der Erstellung vernetzter und verteilter Produkte notwendig. Mangels fehlender Standards kooperieren auch konkurrierende Hersteller, um gemeinsam ihre Ansprüche abzustecken. Doch oft stehen traditionelles Denken und Strukturen des Mutterkonzerns der Innovation im Wege. Deswegen können solche neuartigen Produkte oft nur in neu gegründeten Firmen erfolgreich entwickelt werden.

Eine wichtige Rolle spielt dabei der Transfer des bisherigen Fachwissens in die neuen smarten Produkte, um die digitale Transformation voranzubringen. Ebenso hilfreich ist, als eine Art Baupause, eine eigene Referenzarchitektur für das Industrial Internet of Things zu entwickeln und zu pflegen. Dieses kann um branchenspezifische Referenzmodelle, wie z. B. RAMI 4.0 des ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie e. V.) und der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA) ergänzt oder angelehnt werden. Wer auch künftig erfolgreich am Markt bestehen möchte, kommt nicht umhin, Industrie 4.0-Produkte anzubieten. Für viele Firmen kommt das jedoch einer Kehrtwendung bei voller Fahrt gleich.

Traditionelle Industriefirmen müssen sich organisatorisch und vom Denken (Mind set) hin zu Software-Häusern entwickeln. Dabei unterscheidet sich die Entwicklung und Wartung von elektrischer oder mechanischer Hardware grundlegend von der Erstellung von Software. Früher bestanden Produkte aus mechanischen und elektrischen Komponenten. Heute sind sie komplexe Systeme („Systems of Systems“), die Hardware, Sensoren, Speicher, Software und Vernetzung auf die unterschiedlichsten Arten miteinander verknüpfen. Eine Software scheint gegenüber Hardware zwar nie zu altern, jedoch ist sie eher selten fehlerfrei.

Durch den starken Innovationsdruck wird teuer entwickelte Software oft auch in Umgebungen eingesetzt, unter denen diese nie entwickelt wurde und deshalb auch nicht getestet wurde. Da der Fehlerbehebungsprozess inklusive Test- und Fehleranalyseaufwand sehr aufwendig ist und oft teuer wird, muss sich in der Industrie 4.0 auch die Art der Software-Entwicklung ändern.

Konnte im traditionellen Software-Betrieb die Umgebungsbedingungen selbst kontrolliert werden, werden die Umgebungsbedingungen von smarten Geräten häufig von externen Faktoren wie Umwelt, Fremdsysteme oder dem Verhalten des Kunden selbst beeinflusst. Das Thema Sicherheit in Umgebungen, die oft nicht oder nur hobby-mäßig administriert werden, ist eine große Gefahr mit einem hohen Schadenspotenzial und damit eine Herausforderung für die Systementwicklung. Gerade was Sicherheit angeht, altert eine Software oft schneller, als es den Unternehmen lieb ist, da moderne Verfahren und Prinzipien meist nur reaktiv und damit leider zu spät verwendet werden.

In digitalen Industrie 4.0-Projekten schlummert eine Vielzahl von realen Risiken. Diese werden leider oft stark unterschätzt. Neben dem Entwicklungsrisiko gibt es auch noch das Produkt- und Marktrisiko. Nicht alles, was technisch machbar ist, wird sich auch als erfolgreiches Produkt durchsetzen. Aktuell trendige Themen, wie Wearables, Connected Cars oder Smart Homes, erreichen eine größere öffentliche Aufmerksamkeit, als dass sie heute bereits einen messbaren Nutzen für Käufer oder einen Gewinn für die Hersteller darstellen.

Deswegen ist bei der vorherrschenden Goldgräberstimmung gesunde Vorsicht geboten. Neben dem richtigen Timing ist es wichtig, mit den richtigen Partnern ins gemeinsame „Projektboot“ zu steigen. Ansonsten wird der Ausflug in die digitalisierte Welt der Wirtschaft schnell zu Irrfahrt. Neben viel Schweiß und Tränen ist für eine erfolgreiche digitale Transformation eben auch viel Denk-, Vernetzungs- und Experimentierarbeit notwendig, damit es nicht heißt „lost in Transformation“.

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